{"id":2881,"date":"2024-08-12T23:13:21","date_gmt":"2024-08-12T21:13:21","guid":{"rendered":"https:\/\/hamburg.fau.org\/?p=2881"},"modified":"2024-11-11T21:37:21","modified_gmt":"2024-11-11T20:37:21","slug":"die-warnstreikwelle-im-baugewerbe-2024","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hamburg.fau.org\/english\/2024\/08\/12\/die-warnstreikwelle-im-baugewerbe-2024\/","title":{"rendered":"Die Warnstreikwelle im Baugewerbe 2024"},"content":{"rendered":"<p>Nach gescheiterten Tarifverhandlungen und gescheiterter Schlichtung zwischen der Baugewerkschaft (IG BAU, Industriegewerkschaft Bauen Agrar Umwelt) und dem Baukapital (Tarifgemeinschaft des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie und des Zentralverbandes des Deutschen Baugewerbes) hatte die IG BAU am 03.05.2024 zu Warnstreiks aufgerufen. Die Auseinandersetzung betraf das Bauhauptgewerbe und somit offiziell rund 930.000 Besch\u00e4ftigte (1).<\/p>\n\n\n\n<p>Darum ging es bei der Tarifverhandlung: Die Ausgangsforderung der IG BAU war eine Sockellohnerh\u00f6hung von 500 \u20ac bei einer Tariflaufzeit von 12 Monaten. Im Schlichtungsverfahren war die Gewerkschaft jedoch bereit, das Ergebnis von 250 \u20ac Sockellohnerh\u00f6hung f\u00fcr 11 Monate und anschlie\u00dfend einen Anstieg von 4 % im Westen und 5 % im Osten bei einer Laufzeit von 2 Jahren zu akzeptieren. Die Kapitalseite lehnte jedoch am 03.05.24 den Schlichterspruch ab und forderte die Firmen dazu auf, freiwillige Lohnerh\u00f6hungen um 5 % im Westen und 6 % im Osten zu bewilligen. Hierauf reagierte die IG BAU mit einem Aufruf zu Warnstreiks. Eine freiwillige Lohnerh\u00f6hung w\u00e4re eine au\u00dfertarifliche und l\u00fcckenhafte Umsetzung der Forderungen und war ein Versuch, die Besch\u00e4ftigten zu spalten. Denn etwa 42% aller Arbeitnehmenden werden nicht nach Tarif bezahlt (2).\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Die Warnstreiks waren als Strategie der Nadelstiche organisiert, es sollte also bei punktuellen Ausst\u00e4nden bleiben (3). Innerhalb von drei Wochen streikten in vielen Dutzenden St\u00e4dten jeweils einige Hunderte ArbeiterInnen f\u00fcr die Ursprungsforderung von 500 \u20ac mehr pro Monat. Es gab dabei gr\u00f6\u00dfere Kundgebungen mit 1.000 Teilnehmenden in Bremen und 2.000 Demonstrierenden in D\u00fcsseldorf. In der ersten Woche waren rund 12.500 Arbeiter:innen an den Streiks beteiligt (4) und insgesamt brachten mehrere Zehntausend ihre Ver\u00e4rgerung \u00fcber die Ablehnung des Schlichtungsspruchs zum Ausdruck. Zum Teil wurde der Kampf als aktiver Streik gef\u00fchrt. Das sah dann zum Beispiel folgenderma\u00dfen aus: \u201eIn M\u00fcnchen trafen sich wieder etliche Kolleg*innen fr\u00fchmorgens im Streiklokal. Der anschlie\u00dfende Streikspaziergang f\u00fchrte erst zu einem Abschnitt der Stammstrecke in der N\u00e4he der Donnersberger Br\u00fccke. Dort waren einige Bauleute zu \u00fcberzeugen, dass Warnstreiks jetzt das richtige Mittel sind, um unseren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Danach ging es per S-Bahn in Richtung Hauptbahnhof. Auch dort wird gerade massiv gebaut, vor allen Dingen sehr beengt und deshalb logistisch etwas heikel. Die warnstreikenden Baubesch\u00e4ftigten entschlossen sich kurzerhand, die Einfahrt etwas zu beeintr\u00e4chtigen und sorgten damit f\u00fcr einiges an Verz\u00f6gerung, bis hin zum Stillstand der Baustelle, auf der sich Kolleg*innen den Streikenden anschlossen. Die Stammstrecke zwei, eh schon in den Schlagzeilen, ist eine gute M\u00f6glichkeit, Warnstreikziele zu erreichen. Getreu dem Motto &#8218;Kleine Meute \u2013 gro\u00dfe Wirkung&#8216; lie\u00df man den Streiktag beim gemeinsamen Grillen ausklingen\u201c (5).<\/p>\n\n\n\n<p>Am 28.05.24 kam es erneut zu einem Verhandlungsergebnis, dem die Kapitalseite verbandsintern sp\u00e4ter auch wirklich zustimmte (6). Statt der Sockellohnerh\u00f6hung um 250 \u20ac pro Monat beim Schlichtungsergebnis kommt es r\u00fcckwirkend zum 01.05.24 zu einem Anstieg um 260-380 \u20ac, am 01.04.25 zu einer Steigerung von 4,2 % im Westen und 5% im Osten (statt zuvor 4 und 5%) und am 01.04.26 zu einer vollst\u00e4ndigen Angleichung der L\u00f6hne, Geh\u00e4lter und Ausbildungsverg\u00fctungen im Osten sowie zu einer bundeseinheitlichen Anhebung um 3,9 %. Die Spanne selbst ergibt sich aus unterschiedlichen Steigerungen je nach Gehaltsgruppe und Tarifgebiet. Das Gehalt f\u00fcr die Gehaltsgruppe A-I (z.B. Angestellter ohne Berufsausbildung) steigt im Westen um 260\u20ac. In der Gehaltsgruppe A-X&nbsp; (z.B. Angestellte mit besonderer Weisungsbefugnis) steigt es im Osten um 380\u20ac. (7)<\/p>\n\n\n\n<p>Trotz der dreij\u00e4hrigen Laufzeit \u2013 bei unabsehbaren gesellschaftlichen Entwicklungen und Preisver\u00e4nderungen &#8211; spricht die IG BAU von einem Streikerfolg (vergl. Anm. 5). F\u00fcr sie handelt es sich um eine ganz au\u00dferordentliche Situation, denn der erste bundesweite regul\u00e4re Streik seit Gr\u00fcndung der BRD, also seit 1949, erfolgte im Jahr 2002 \u2013 nach 53 Jahren. Und seit 2002 wiederum erfolgte die erste bundesweite Mobilisierung, jetzt auf dem Niveau von Warnstreiks.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Arbeitsbedingungen in der Baubranche<\/h4>\n\n\n\n<p>In dieser knochenharten Branche haben sich die Arbeitsbedingungen arg verschlechtert. Im Baugewerbe gibt es keine \u00dcberstundenzuschl\u00e4ge (stattdessen Arbeitszeitkonten im Rahmen der Flexibilisierung), keine Schmutzzuschl\u00e4ge und \u00c4hnliches mehr. Der Bau-Mindestlohn f\u00fcr Ungelernte und Fachkr\u00e4fte ist gefallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine weitere Besonderheit der Branche ist der hohe Anteil von migrantischen und nicht-deutschsprachigen Arbeitenden, die durch Sprachbarrieren nur mit Schwierigkeiten an dieser Tarifauseinandersetzung teilhaben konnten. Viel eher waren nicht-deutschsprachige Arbeitende gar nicht dar\u00fcber informiert und haben &#8211; wegen ihrer oftmals noch prek\u00e4reren Arbeitssituation &#8211; w\u00e4hrend des Streiks gearbeitet. Das wurde teilweise von gewerkschaftlich organisierten Arbeitenden als willentlicher Streikbruch gesehen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Spaltung der Arbeitenden muss in jedem Fall vermieden werden. Alle Arbeitenden sollten in die Vorbereitungen und Durchf\u00fchrungen von Arbeitsk\u00e4mpfen einbezogen werden und auch von deren Ergebnissen profitieren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bau FAU Hamburg (Arbeitsgruppe Bau der FAU Hamburg) solidarisiert sich mit allen Streikenden im Baugewerbe.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bau FAU Hamburg solidarisiert sich auch und vor allem mit denen, die nicht streiken k\u00f6nnen!<\/p>\n\n\n\n<ol start=\"1\" class=\"wp-block-list\">\n<li><a href=\"https:\/\/de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/5734\/umfrage\/besch\u00e4ftigte-im-bauhauptgewerbe-in-Deutschland-seit-2003\">https:\/\/de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/5734\/umfrage\/besch\u00e4ftigte-im-bauhauptgewerbe-in-Deutschland-seit-2003<\/a><\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<ol start=\"2\" class=\"wp-block-list\">\n<li>Hohendammer, C. &amp; Kohaut, S. (2023): Tarifbindung und Mitbestimmung: Keine Trendumkehr in Westdeutschland, Stabilisierung in Ostdeutschland, Institut f\u00fcr Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: IAB-Forum 20.07.23, N\u00fcrnberg, Tabelle 2<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<ol start=\"3\" class=\"wp-block-list\">\n<li><a href=\"https:\/\/igbau.de\/Warnstreiks-am-Bau-Verkehrsinfrastruktur-betroffen.html\">https:\/\/igbau.de\/Warnstreiks-am-Bau-Verkehrsinfrastruktur-betroffen.html<\/a><\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<ol start=\"4\" class=\"wp-block-list\">\n<li><a href=\"https:\/\/igbau.de\/Streiks-werden-auf-Verkehrsinfrastruktur-Baustellen-ausgedehnt.hrml\">https:\/\/igbau.de\/Streiks-werden-auf-Verkehrsinfrastruktur-Baustellen-ausgedehnt.hrml<\/a><\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<ol start=\"5\" class=\"wp-block-list\">\n<li><a href=\"https:\/\/igbau.de\/Warnstreiks-am-Bau-Weiterhin-groszer-Zulauf.html\">https:\/\/igbau.de\/<\/a><a href=\"https:\/\/igbau.de\/Warnstreiks-am-Bau-Weiterhin-groszer-Zulauf.html\">Warnstreiks-am-Bau-Weiterhin-groszer-Zulauf.html<\/a><\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<ol start=\"6\" class=\"wp-block-list\">\n<li><a href=\"https:\/\/igbau.de\/Update-17.-juni-jetzt-mit-video-tarifabschluss-am-bau-unser-aller-erfolg.html\">https:\/\/igbau.de\/Update-17.-juni-jetzt-mit-video-tarifabschluss-am-bau-unser-aller-erfolg.html<\/a><\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<ol start=\"7\" class=\"wp-block-list\">\n<li>IG BAU (2024). Brosch\u00fcre &#8222;Respekt f\u00fcr unsere Arbeit. WOW! Das hat sich gelohnt.&#8220; zur Zusammenfassung der Lohnerh\u00f6hungen im Baugewerbe 2024. Nur f\u00fcr IG BAU-Mitglieder.<\/li>\n<\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach gescheiterten Tarifverhandlungen und gescheiterter Schlichtung zwischen der Baugewerkschaft (IG BAU, Industriegewerkschaft Bauen Agrar Umwelt) und dem Baukapital (Tarifgemeinschaft des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie und des Zentralverbandes des Deutschen Baugewerbes) hatte die IG BAU am 03.05.2024 zu Warnstreiks aufgerufen. 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