{"id":2851,"date":"2024-05-11T13:07:57","date_gmt":"2024-05-11T11:07:57","guid":{"rendered":"https:\/\/hamburg.fau.org\/?p=2851"},"modified":"2024-11-30T18:48:07","modified_gmt":"2024-11-30T17:48:07","slug":"der-erste-mai-aus-historischer-perspektive","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hamburg.fau.org\/english\/2024\/05\/11\/der-erste-mai-aus-historischer-perspektive\/","title":{"rendered":"Der erste Mai aus historischer Perspektive"},"content":{"rendered":"<p><strong>Rudoph Rocker zum 1. Mai:<\/strong><br>\u201eEin Symbol ist uns der erste Mai, ein Symbol der sozialen Befreiung im Zeichen der direkten Aktion, die im Generalstreik ihren vollendetsten Ausdruck findet. Alle, die im Frone schmachten und denen die t\u00e4gliche Sorge um die Existenz ihren Stempel aufdr\u00fcckt, die ganze ungeheure Armee derer, welche die Sch\u00e4tze der Unterwelt zu Tage f\u00f6rdern, am Hochofen stehen oder den Pflug durch die Felder f\u00fchren, alle die Millionen, die in ungez\u00e4hlten Fabriken und Werkst\u00e4tten dem Kapital seinen menschenfressenden Tribut entrichten m\u00fcssen, die Hand- und Kopfarbeiter aller Kontinente, sie alle sind Teile jenes gro\u00dfen und unbesiegbaren Bundes, aus dessen Tiefen uns eine neue Zukunft kommen wird, sobald die Erkenntnis ihres trostlosen Daseins den einzelnen Gliedern machtvoll zum Bewu\u00dftsein kommen wird. Auf ihren Schultern ruht eine ganze Welt; sie tragen das Schicksal jeder Gesellschaft in ihren H\u00e4nden, und ohne ihre sch\u00f6pferische T\u00e4tigkeit ist jedes menschliche Leben zum Tode verdammt. \u201cDer Syndikalist&#8220; 4. Jg. (1922), Nr. 16<br><br><strong>Der Startschuss \u2013 Haymarket- Vorgeschichte<\/strong><br>Die zentrale Idee der Arbeiter*innen-Bewegung des 19.Jahrhunderts war vor allem die einer kollektiven Arbeitsniederlegung, dem sozialen Generalstreik. Die englischen Gewerkschaften beschlossen f\u00fcr ihr Ziel des Achtstundentags einen landesweiten Streik am 1. Mai 1833 abzuhalten, der jedoch nicht umfassend realisiert werden konnte. Der entstehende Industriekapitalismus war schon f\u00fcr die Anf\u00e4nge der Arbeiterbewegung ein starker Gegner, der Nationalismus verhinderte andererseits oft die grenz\u00fcberschreitende Solidarit\u00e4t<br>Die Gewaltfrage<br>Seit dem Eisenbahnerstreik in den USA von 1877 erhielten die Gewerkschaften gro\u00dfen Zulauf, aber sie wurden von den bezahlten Schl\u00e4gern und bewaffneten Streikbrechern hart bek\u00e4mpft. Die Polizei und die Presse spielten ihre entsprechende Rolle, so forderte die \u201eNew York Tribune\u201c zum Beispiel, dass man die Demonstrationen der streikenden Arbeiter\/innen mit Handgranaten zerschlagen solle. Als bewaffnete Verteidigungsorganisationen wurden in einigen amerikanischen St\u00e4dten die gewerkschaftlichen \u201eLehr- und Wehrvereine\u201c gegr\u00fcndet. Sie machten Schie\u00df\u00fcbungen und Aufm\u00e4rsche zu Gedenken der Pariser Kommune von 1871.<br><br><strong>Der 8-Stunden-Tag<\/strong><br>1884 wurde in den USA eine landesweite Kampagne beschlossen. So forderten die &#8222;F\u00f6derierten Gewerkschaften und Arbeitervereine der USA und Kanadas&#8220;, dass ab dem 1.Mai 1886 der legale Arbeitstag nicht mehr als 8 Stunden zu betragen h\u00e4tte. Die Verringerung des (meist 10-st\u00fcndigen) Arbeitstages um zwei Stunden erschien den anarchistischen Syndikalisten als reformistisch, aber trotzdem unterst\u00fctzen sie die Kampagne. Die seit 1860 bestehende Forderung sollte am 1. Mai 1886 mit landesweiten Streiks endlich durchgesetzt werden. In Chicago organisierte die \u201eCentral Labor Union\u201c am Sonntag vor dem 1. Mai eine Gro\u00dfdemonstration mit rund 25.000 Teilnehmer\/innen.<br><br><strong>Haymarket<\/strong><br>Am 1. Mai 1886 wurde der Generalstreikaufruf in den USA von 340.000 bis 350.000 Arbeiter*innen befolgt, davon von 40.000 aus Chicago. Die Unternehmer setzten Streikbrecher, Polizei und privat angeheuerte S\u00f6ldnertruppen gegen die Streikenden ein.<br><br>Am 3. Mai fand in der N\u00e4he der Landmaschinenfabrik McCormick eine Massenveranstaltung der Holzarbeitergewerkschaft statt. Dabei kam es zu Auseinandersetzungen zwischen Streikenden und Streikbrechenden. Bei dem anschlie\u00dfenden Einsatz der Polizei wurden 4 Arbeiter*innen erschossen, zahlreiche wurden verletzt. Einen Tag sp\u00e4ter versammelten sich aus Protest dar\u00fcber \u00fcber 2.000 Menschen\u00a0 auf dem Chicagoer Haymarket. Als die friedliche Versammlung sich aufzul\u00f6sen begann, wurden die verbliebenen 300 Demonstrierenden ohne erkennbaren Grund von 200 Polizisten angegriffen . Augenblicke sp\u00e4ter detonierte eine Bombe in den Reihen der Polizeikr\u00e4fte, die von einem Unbekannten geworfen wurde. Bis heute ist nicht gekl\u00e4rt, ob es sich um einen Provokateur handelte. Die Polizei er\u00f6ffnete sofort das Feuer auf die fliehenden M\u00e4nner, Frauen und Kinder. In der Folge kam ein Polizist ums Leben\u00a0 und in einer folgenden Schie\u00dferei 6 Polizisten und 7 oder 8 Arbeiter*innen wurden get\u00f6tet, hinzu kamen 30 \u2013 40 Verletzte.<br><br>Diese Ereignisse lieferten Staatsmacht und Unternehmertum nun einen Vorwand um gegen die Arbeiter*innenbewegung vorzugehen. Bereits in den fr\u00fchen Morgenstunden des folgenden Tages begann die Polizei eine gro\u00dfangelegte Repressionswelle : es gab unz\u00e4hlige Hausdurchsuchungen, hunderte von Verhaftungen und Verh\u00f6re. Von Seiten der Staatsanwaltschaft gab es gr\u00fcnes Licht f\u00fcr Rechtsbr\u00fcche aller Art : \u201eMachen sie erst die Razzien und schauen danach im Gesetz nach.\u201c. Die Polizei z\u00f6gerte nicht, selbst angelegte Waffenlager aufzudecken und diese als Beweise f\u00fcr eine anarchistische Verschw\u00f6rung zu benutzen. Begleitet und gerechtfertigt wurden diese Machenschaften von hetzerischen Zeitungsberichten, die gro\u00dfe Teile der Chicagoer Presse verbreiteten. Von den unz\u00e4hligen Verhafteten und auch Angeklagten wurden letztendlich acht bekannte und aktive Anarchisten des Mordes angeklagt. Obwohl bewiesen war, dass keiner der Angeklagten die Tat h\u00e4tte begehen k\u00f6nnen, wurde gegen sie ein Schauprozess er\u00f6ffnet. Da es keine Beweise f\u00fcr die Mordanklage gab, hie\u00df es danach, sie seien an einer Verschw\u00f6rung beteiligt gewesen und h\u00e4tten Artikel verfasst, in denen zum Umsturz der bestehenden Verh\u00e4ltnisse aufgerufen worden sei. Damit seien sie verantwortlich f\u00fcr die Tat, da sie die T\u00e4ter inspiriert h\u00e4tten. Am 20. August 1886 wurden die Todesurteile gegen die Angeklagten verk\u00fcndet. Die Schlussreden der zu Unrecht Verurteilten wurden als &#8222;Anklagen der Angeklagten&#8220; weltber\u00fchmt. Sie waren ein Manifest gegen die Ausbeutung und f\u00fcr eine freie,<br>menschliche Gesellschaft ohne soziale Ungerechtigkeit.<br><br><strong>Der Prozess<\/strong><br>Durch voreingenommene Geschworene, eingesch\u00fcchterte und bestochene Zeugen, fehlende Beweise und die begleitende Hetze der Presse, sollte der Prozess zum Schauprozess werden, woraus die Staatsanwaltschaft keinen Hehl machte: \u201eDas Gesetz klagt die Anarchie an! Diese M\u00e4nner wurden anstelle von Tausenden vor Gericht gestellt, nicht etwa, weil sie schuldiger sind, sondern weil sie deren Anf\u00fchrer waren. Gentlemen! Statuiert ein Exempel an ihnen, h\u00e4ngt sie! Nur so retten wir unsere Institutionen, unsere Gesellschaftsordnung!\u201c Das Urteil stand schnell fest: Sieben Angeklagte wurden zum Tode, weitere zu langer Haftstrafe verurteilt. Sp\u00e4ter wurden sie f\u00fcr unschuldig und zu Opfern eines Justizmordes erkl\u00e4rt.<br><br><strong>Streiken heute<\/strong><br>Seit Beginn der Arbeiter*innenbewegung hat es immer von Seiten der herrschenden Klasse Bem\u00fchungen unterschiedlichster Art gegeben diese zu zerschlagen Rechte nicht zu gew\u00e4hren oder zur\u00fcckzunehmen. Streikbewegungen wurden dabei moralisch diskreditiert oder mit staatlicher Repression und Gewalt \u00fcberzogen. Auch wenn die Anwendung staatlicher Gewalt und Repression heute hierzulande sicherlich geringer ausf\u00e4llt als noch im 19. Jahrhundert, so m\u00fcssen wir uns doch immer wieder daran erinnern, dass die herrschende Klasse des Kapitalismus auch weiter nicht gewillt ist Arbeiter*innen Wohltaten zukommen zu lassen, sofern dies nicht in ihren eigenen Interessen liegt. So kommt es, dass zu einem Zeitpunkt, da die Streiks sich in j\u00fcngster Zeit wieder vermehrt haben Unternehmertum, b\u00fcrgerliche Presse und Medien und auch Vertreter*innen der Parteipolitik sich zu Wort melden um Streiks und ihre Forderungen zu diskreditieren und in ein schlechtes Licht zu setzen. Beschworen wird dabei wieder einmal ein klassen\u00fcbergreifendes, nationalistisches \u201eWir\u201c Gef\u00fchl, wenn es dem Wirtschaftsminister darum geht Forderungen klein zu reden und im Sinne der Profitsicherung und Gewinnmaximierung eher davon zu sprechen mehr statt weniger zu arbeiten. Streikende mit berechtigten Forderungen sind hier die St\u00f6renfriede, wenn es um die Sicherung der Profite der Volkswirtschaft im Sinne nationalistischer Standortlogik geht. In Betracht gezogen werden nun Eingriffe in ein ohnehin schon repressives Streikrecht. Ob und in welcher Form die Ma\u00dfnahmen eines Streikes als angemessen und legitim aufgefasst werden unterliegt immer wieder Richterspr\u00fcchen, welche formal auf einen Ausgleich der Interessen hinarbeiten, letztlich jedoch Teil eines kapitalistischen Staates sind. So kommt es auch jetzt schon immer wieder zu Eingriffen gegen\u00fcber dem Grundrecht auf Streiks und dem Schutz der Arbeitskampffreiheit nach Art.9 III GG. Dies geschieht auf Grundlage der sogenannten Verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit. Das diese Abw\u00e4gung nicht selten zu Gunsten der Arbeitgebenden ausf\u00e4llt, d\u00fcrfte in diesem Zusammenhang kaum \u00fcberraschen. So ist der Bereich der Daseinsvorsorge schon jetzt besonders eingeschr\u00e4nkt und begrenzt. Hierbei wird besonders auf die Betroffenheit Dritter hingewiesen, in diesem Falle abh\u00e4ngige Patient*innen und Klient*innen in Krankenh\u00e4usern, Bildungseinrichtungen wie Kinderg\u00e4rten, Altenheimen, Sozialeinrichtungen oder eben auch eine Vielzahl von Bahnreisenden und G\u00fcterverkehr. Die Grenzen des Streikrechtes werden also nicht nur einzelfallbezogen und in einigen Bereichen sowieso schon enger ausgelegt. Das sind konkret Bereiche, die tendenziell nicht zu den bestbezahlten Berufszweigen z\u00e4hlen. Arbeitnehmende sind hier h\u00e4ufig durch Schichtdienst und Personalengp\u00e4sse stark belastet. Da mag man zu Corona-Zeiten noch sehr als systemrelevant beklatscht worden sein, verbessert jedoch keine Arbeitsbedingungen. Eine m\u00f6gliche weitere Einschr\u00e4nkung des Streikrechts in diesen Bereichen ist ein Angriff auf uns alle.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie uns die Geschichte des 01. Mai lehrt, ist Arbeitskampf eben genau das: Ein Kampf um die Verbesserung unserer Lebensumst\u00e4nde. Wie schon so oft stehen und Staat und Kapital feindlich gegen\u00fcber. Wo man uns Rechte nicht zugesteht, da werden wir sie uns selbst organisiert, solidarisch, bunt und kreativ nehmen!<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rudoph Rocker zum 1. Mai:\u201eEin Symbol ist uns der erste Mai, ein Symbol der sozialen Befreiung im Zeichen der direkten Aktion, die im Generalstreik ihren vollendetsten Ausdruck findet. 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